Linke Politik verteidigen — Kapitalismus angreifen
Aufruf des Antifaschistischen Aktionsbündnis Baden-Württemberg (AABaWü) zur überregionalen Antirepressionsdemo am 15. Juli 2006 in Stuttgart
Wir sind mit einer gesellschaftlichen Situation konfrontiert, in der immer
mehr bürgerliche Freiheiten wieder eingeschränkt und außerparlamentarische
politische Spielräume verstärkt reglementiert werden. Dies geht einher mit
einer Tendenz zum Sicherheits- und Überwachungsstaat, die eng verbunden ist
mit einer sozialen Verschärfung und Fragmentierung im Zuge des Umbaus der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.
Besonders erschreckend für jeden an allgemeiner Emanzipation interessierten
Menschen ist die auffallend gleichgültige bis affirmative Haltung weiter
Teile der Gesellschaft gegenüber diesen Entwicklungen.
Linke Politik sieht
sich mit einer zunehmenden Akzeptanz autoritärer Modelle konfrontiert, was
seinen Ausdruck darin findet, dass große Teile der Bevölkerung in der
überwachungs- und sicherheitsstaatlichen Umstrukturierung kein Problem mehr
sehen oder sie gar forcieren wollen. Die vorherrschende Devise lautet: „Wer
sich nichts zu Schulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten“.
Dadurch werden zum einen die Spielräume emanzipatorischer Politik weiter
eingeschränkt und zum anderen ist immer weniger auf die Unterstützung
liberaler Kreise zu hoffen - was wiederum ein noch ungenierteres Vorgehen von
Seiten staatlicher Behörden befördert.
Dass die angerissene Problematik in enger Verbindung mit allgemeinen
Entwicklungen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft steht und auch im
Kontext einer grundlegenden Kritik der herrschenden Verhältnisse kritisiert
werden muss, werden wir im Folgenden kurz darlegen. Da Reglementierung,
Repression und sicherheitsstaatlicher Umbau aber keineswegs zwangsläufige
Entwicklungen darstellen, gilt es gegen sie aktiv vorzugehen und Zeichen zu
setzen. Genau das wollen wir am 15. Juli mit einer überregionalen
Demonstration gegen staatliche Repression und Überwachung und eine zunehmend
autoritärere Formierung in Stuttgart tun.
Kapitalistische Vergesellschaftung, Nationalstaatlichkeit und die aktuelle
autoritäre Verschärfung
Kapitalistische Wertvergesellschaftung und Nationalstaatlichkeit sind
grundlegende Verhältnisse der modernen Gesellschaft. Als solche sind sie
ursächlich für große Teile des existierenden Elends verantwortlich und
bringen die Notwendigkeit gegenseitiger Unterdrückung, Ausgrenzung und
(Selbst-)Zurichtung hervor. Ideologien und Unterdrückungspraxen wie
Rassismus, Sexismus, Nationalismus und Antisemitismus sind somit nicht
isoliert, sondern als Teil dieser Verhältnisse zu bekämpfen. Dies gilt
selbstverständlich auch für die Auseinandersetzung mit hierarchischen
Herrschafts- und Gewaltstrukturen im Falle von Reglementierung, Überwachung
und Repression.
Um gesellschaftliche Entwicklungen zu begreifen, reicht die Kritik dieser
„Grundformen“ der bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftung allerdings
nicht aus. Soziale Veränderungen, staatlicher Umbau, autoritäre Formierungen
usw. lassen sich zwar logisch aus diesen erklären, folgen allerdings
keineswegs automatisch aus wirtschaftlichen Entwicklungen. Vielmehr braucht
es Akteure, die aktiv einen gesellschaftlichen Umbau vorantreiben. Wenn
beispielsweise durch Kapitalakkumulation eine allgemeine gesellschaftliche
Krise erzeugt wird, ist die weitere Entwicklungsrichtung damit keineswegs
klar vorbestimmt, sondern stets von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen
und dem konkreten Handeln der verschiedenen Akteure abhängig.
Dies gilt auch für die von uns hier kritisierten Zustände und Entwicklungen.
Ihre Grundlage findet sich in einer seit den 1960er/70er Jahre einsetzenden
Krise der als „Fordismus“ bezeichneten und durch relative Stabilität
gekennzeichneten Nachkriegsformation des Kapitalismus. Der im Verlauf dieser
Krise des „Fordismus“ von verschiedenen Akteuren forcierte und umgesetzte
gesellschaftliche Umbau kann als Versuch verstanden werden, die ins Stocken
geratene Verwertung des Kapitals - welche die wirtschaftliche Basis der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft darstellt - wieder in ausreichendem
Maße herzustellen.
In diesem Zusammenhang sind beispielsweise der Um- und
Abbau der sozialen Sicherungssyteme, die nationalistische Abschottung
gegenüber „standortschädlicher“ Zuwanderung („Festung Europa“) und der
verschärfte internationale und interregionale Standortwettbewerb zu sehen.
Nebenerscheinung des „postfordistischen“ gesellschaftlichen Umbaus sind sich
verschärfende Unterschiede zwischen Arm und Reich und eine zunehmende soziale
Fragmentierung, die langsam aber sicher auch in der so genannten „Ersten
Welt“ Einzug hält. War es in der „fordistischen“ Phase der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zumindest in den kapitalistischen
Zentren gelungen, den Großteil der Bevölkerung über materielle und soziale
Teilhabe zu integrieren und zu befrieden, wird dies bei einer zunehmend
sozial fragmentierten Gesellschaft immer schwieriger.
Auf diese Weise droht
die soziale Stabilität der Gesellschaft, welche eine wichtige Bedingung für
das Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie darstellt, ernsthaft in
Gefahr zu geraten. Um das zu verhindern, werden von staatlicher Seite - dem
Staat kommt in der modernen Gesellschaft maßgeblich die Rolle zu, stabile
Bedingungen für die kapitalistische Verwertung zu garantieren - Maßnahmen
forciert, die eine Integration oder Stillstellung „gefährlicher“
Bevölkerungsteile über Zwang gewährleisten sollen. Wer nicht länger über
soziale Teilhabe bzw. die Sozialsysteme wohlfahrtsstaatlich integriert werden
kann bzw. durch den „postfordistischen“ Umbau „freigesetzt“ wird, muss durch
staatliche Reglementierung und Überwachung daran gehindert werden, zum
Hindernis für den reibungslosen Ablauf von Kapitalismus und
Nationalstaatlichkeit zu werden.
Dies geschieht schon heute beispielsweise über die Maßnahmen von ALG2 und
Agenda 2010, durch Verschärfungen des Ausländerrechts, Videoüberwachung auf
öffentlichen Plätzen, durch die Sanktionierung „konsumschädlichen“ Verhaltens
in den Innenstädten, die Einrichtung und Vernetzung von personenbezogen
Datenbanken und „Gendateien“ sowie den Einsatz neuer Technologien und
Verfahren zur Identifizierung und Überwachung von Menschen.
Aber auch große Teile der so genannten „Zivilgesellschaft“ sind daran
beteiligt: Gerade die Reglementierung, Überwachung und Sanktionierung von
abweichendem bzw. standortschädlichem Verhalten muss nicht gegen die Mehrheit
der hiesigen Bevölkerung durchgesetzt werden, sondern kann sich auf eine
breite Akzeptanz autoritärer Denk- und Handlungsmuster in der Gesellschaft
stützen.
Repression gegen die Linke
Neben materiell und sozial marginalisierten Menschen treffen solche Maßnahmen
insbesondere Menschen, die sich außerparlamentarisch für Emanzipation und
gegen herrschende Unterdrückungsverhältnisse und ausgrenzende Ideologien
einsetzen.
War die Repression gegen linke Kräfte schon immer stark (und dies gilt
besonders für Deutschland), so ist aktuell zu beobachten, dass beispielsweise
gegenüber den 1970er Jahren zwar die Zahl sich (vermeintlich)
gesellschaftskritisch betätigender Menschen abgenommen hat, dies aber
keineswegs auf den staatlichen Gewaltapparat und das Maß an Repression gegen
die Linke zutrifft.
Hinzu kommt eine Verschiebung gesellschaftlicher
Kräfteverhältnisse, die als autoritäre Formierung bezeichnet werden kann. Mit
Toleranz, Verständnis oder gar Solidarität für linke Politikformen und
Inhalte ist heute kaum mehr zu rechnen. Die Akzeptanz des Abbaus repressiver
Maßnahmen bis hin zu Denunziantentum stehen jedoch nach wie vor hoch im Kurs.
Neue technische Möglichkeiten und Methoden sowie eine verschärfte
Reglementierung von Protestformen und bürgerlichen Freiräumen gehen oftmals
Hand in Hand mit einer rigiden Praxis von Polizei und Behörden sowie einer
Rechtsprechung, die juristische Spielräume und Grauzonen bis zum Äußersten
auszuschöpfen gewillt ist.
Auf diese Weise haben sich die Rahmenbedingungen
linker Politik bereits stark verschlechtert. In Baden-Württemberg, wie im
Rest der Republik, sieht sich die Linke mit einer sich zuspitzenden
repressiven Situation konfrontiert. Linke Freiräume werden bedroht und
zerstört, Naziaufmärsche brutal durchgesetzt und linke Demonstrationen durch
Polizeieinsätze behindert. Gerade in der Landeshauptstadt Stuttgart ist die
Linke massiven staatlichen Angriffen ausgesetzt. In Stuttgart gehen die
Repressionsorgane systematisch gegen linke Strukturen und AktivistInnen vor,
versuchen, diese einzuschüchtern und ihre Handlungsspielräume einzuschränken:
Mit dem selbstverwalteten Jugendzentrum OBW9 in Stuttgart-Degerloch, welches
im 15. Juli 2005 durch ein Sondereinsatzkommando der Polizei martialisch
geräumt wurde, ist ein wichtiger linker Frei- und Rückzugsraum zerstört
worden.
Bereits die kleinsten und fadenscheinigsten Anlässe werden als
Vorwand für Repression gegen Linke herangezogen. So erhielten 2005 und 2006
unzählige Personen, die durchgestrichene bzw. zerschlagene Hakenkreuzsymbole
mit sich führten, Anzeigen wegen des Tragen verfassungswidriger Symbole in
der Öffentlichkeit. Unter dem gleichen Vorwand wurden antifaschistische
Publikationen beschlagnahmt und die Antifa-Kehrwochen in der Region Stuttgart
durch die Polizei behindert.
Besonders hart ist immer wieder die Repression
gegen AntifaschistInnen: Eine Person wurde 2005 wegen des Vorwurfs des
Verteilens von Flugblättern bei einer antifaschistischen Demonstration,
welche eine angeblich zu Straftaten animierende Abbildung enthielten, zu
einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt - und das obwohl keine schlüssigen
Beweise für die vorgeworfene „Tat“ vorlagen. Im selben Fall versuchte der
Staatsschutz, durch das Entnehmen von DNA-Proben von Plakaten die für das
Plakatieren Verantwortlichen aufzuspüren und ließ Wohnungen in Stuttgart,
Göttingen durchsuchen.
Ebenfalls 2005 kam ein Jugendlicher, der sich zusammen
mit anderen erfolgreich gegen einen bewaffneten Angriff mehrer Nazis gewehrt
hatte, für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und wurde beim anschließenden
Gerichtsprozess noch zusätzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Als im Vorfeld des erfolgreich verhinderten Naziaufmarschs am 28.01.2006 in
Stuttgart eine Spontandemo zur Wohnung der Anmelderin Elke Weller von der
Kameradschaft Stuttgart stattfand, bei der eine Fensterscheibe zu Bruch ging,
wurden wahllos und teilweise fernab des Geschehens 13 Linke verhaftet. Diese
wurden alle bis auf eine erst nach drei Tagen und zwei erst nach über einer
Woche Untersuchungshaft entlassen.
Dass während des Streiks im öffentlichen
Dienst Anfang 2006 selbst ein ver.di-Streikposten gewaltsam von der Polizei
geräumt wurde (ohne dass dies zu größeren Protesten geführt hätte) zeigt, wie
bedenkenlos die Staatsgewalt vielerorts mittlerweile schon bei kleinsten
Anlässen repressiv einschreitet.
Gegen solcherlei repressive Maßnahmen gilt es sich mit den Betroffenen zu
solidarisieren, den staatlichen Angriffen gemeinsam entgegenzutreten und die
Verhältnisse, die sie hervorbringen, anzugreifen.
Linke Politik verteidigen!
Gegen staatliche Repression und autoritäre Formierung!
Kapitalismus und Nationalstaaten abschaffen!
Antifaschistisches Aktionsbündnis Baden-Württemberg (AABaWü)
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