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Wenn es um den FC Bayern München geht, scheiden sich die Geister wie bei keinem anderen
deutschen Fußballverein. Wer den Klub nicht verehrt, hasst ihn aufrichtig; wer nicht für ihn
ist, ist gegen ihn. Eine Meinung dazu haben in der Regel auch diejenigen, die sich sonst nicht
unbedingt für Fußball interessieren.
Sicher, Bayern München ist hierzulande der Fußballverein mit den meisten Mitgliedern, Anhängern
und Fanklubs. Inwieweit seine Erfolge von seinen Sympathisanten sozusagen kompensatorisch
herangezogen werden, um sich das eigene trostlose Leben dadurch ein bisschen
zu versüßen, dass man sich selbst als Teil einer Truppe von Siegern fühlt, soll heute Abend
jedoch nicht das Thema sein — genauso wenig wie die Frage, ob Glanz & Glamour des
Münchner Klubs nicht einfach bloß einen ähnlich projektiven Reiz ausüben wie Pop- und
Filmstars oder das britische Königshaus. Vielmehr soll an dieser Stelle von denen die Rede
sein, die den FC Bayern abgrundtief hassen und darin antiliberale, deutsche Ressentiments
von der Leine lassen — öfter, stärker und widerwärtiger als gegen jeden anderen deutschen
Fußballklub.
Nun könnte man an dieser Stelle einwenden, das sei doch alles gar nicht so wichtig; schließlich
gehe es doch bloß um Fußball. Andere mögen lapidar feststellen, dass der Sport im Allgemeinen
und der Fußball im Besonderen doch ohnehin nicht gerade als Wiege des Fortschritts
gelten, und sich kritisch dünkende Geister geben vielleicht zu bedenken, dass der
Fußball doch nur reproduziere, was an der Gesellschaft ohnehin zu kritisieren sei, dass die
Zuneigung zu einem Verein — und damit auch die Ablehnung anderer Klubs — eine Projektion
in Reinform darstelle etc. pp. Mag alles sein, aber diese Ansichten vermögen die Relevanz
des zu verhandelnden Gegenstandes nicht zu schmälern. Schließlich werden Ressentiments
nicht dadurch besser oder auch nur weniger ekelhaft, dass sie sich im Fußball Aufmerksamkeit
verschaffen.
Dem FC Bayern — erfolgreichster deutscher Fußballklub und in dieser Hinsicht ohne Zweifel
das Maß aller Dinge — wird von Fans wie Vertretern anderer Vereine regelmäßig vorgeworfen,
unsolidarisch, ja egoistisch zu handeln und sich nicht um die Belange des ganzen deutschen
Fußballs zu sorgen, gehe es nun um die Verteilung der Fernsehgelder, die Beschränkung
der Zahl ausländischer Spieler oder andere Absprachen zum vermeintlichen Wohle angeblich
aller. Und in der Tat verfährt der Klub in aller Regel gerade nicht nach dem so beliebten
Motto „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, sondern verfolgt seine eigenen Absichten und
Ziele offen und unverblümt — und macht auch gar keinen Hehl daraus. Das stößt in einem
Land, in dem man die Dinge um ihrer selbst — und also um des großen Ganzen — willen zu tun
hat und in dem interessengeleitetes Handeln — noch dazu für Geld! — unter Generalverdacht
steht (Stichwort „Amerikanisierung“), naturgemäß auf wenig Gegenliebe.
Geradezu prototypisch für diesen gesellschaftlichen Mainstream ist die Düsseldorfer Popgruppe
Die Toten Hosen, die vor knapp fünf Jahren mit ihrem Anti-Bayern-Song Volkes
Stimme in den Charts etablierte. Für Campino & Co. steht fest: „Es kann so viel passieren, es
kann so viel geschehen, nur eins weiß ich hundertprozentig: Nie im Leben würde ich zu Bayern
gehen.“ Sondern natürlich — so viel „Lokalpatridiotismus“, wie Karl Selent treffend befand,
muss sein — bodenständig bleiben, im heimeligen Düsseldorfer Kiez nämlich, und bei
der regional beliebten Gerstenplörre und fettiger Bratwurst mit den anderen Fußballvolksgenossen
darüber lamentieren, dass es in dieser Sportart — zuvörderst bei den Bayern — ja nur
noch ums Geld gehe, die Scheiß-Millionäre eh’ alle viel zu viel Geld verdienten und nicht
mehr ehrlich malochten wie noch zu Fritz Walters Zeiten. Deshalb wissen die „Hosen“ genau,
was sie denn täten, wenn sie „20 wären“ und „supertalentiert“: Gegen Angebote von Real
Madrid und Manchester United hätten sie nichts einzuwenden, auch „für Deutschland“ würden
sie natürlich spielen. Doch wenn Bayern-Manager Uli Hoeneß „auf der Matte stehen“
würde, wäre aber so was von Feierabend: „Ich würde meine Tür nicht öffnen, weil’s für mich
nicht in Frage kommt, sich bei so Leuten wie den Bayern seinen Charakter zu versauen.“
Denn dort pflegt man keine Proletenromantik, kein Blut-Schweiß-und-Tränen-Ideal und keine
volksgemeinschaftliche, biergeschwängerte Vereinsheimidylle, wie es viele deutsche Fußballfreunde
tun, die „ehrliche“ Spieler und einen „sauberen“ Sport sehen wollen, frei von Kommerzialisierung und anderem kapitalistischen Unbill. Man träumt — ganz romantizistisch und
reaktionär, also deutsch — von den guten alten Zeiten, in denen die Kicker noch für lau unterwegs
waren, in Nibelungentreue zu ihrem Verein standen und in der Region des Klubs Wurzeln
geschlagen hatten.
Da gibt der FC Bayern in vielfacher Hinsicht natürlich ein ideales Feindbild ab, und das war
schon bei seiner Gründung so. Denn der Verein war, wie der Fußball-Historiker Dietrich
Schulze-Marmeling befindet, „seinem Namen zum Trotze alles andere als eine bayerische
Veranstaltung. Seine Gründer waren ein buntes Gemisch aus Sachsen, Hanseaten und Preußen,
darunter auch [viele] Juden. Der Klub sollte sich deshalb schon recht bald den Vorwurf
einhandeln, ein Sammelbecken so genannter ‚Zuagroaster’ zu sein“.
Der FC Bayern war ein bürgerlicher Verein, metropolitan, liberal und mit einer beträchtlichen
Zahl an jüdischen Mitgliedern. Etliche von ihnen bestimmten maßgeblich die Geschicke des
Vereins, etwa die Fußballpioniere Gustav Manning und Josef Pollack, der Gründer der Fachzeitschrift
kicker, Walther Bensemann, Jugendleiter Otto Beer, Trainer Richard Dombi oder
der langjährige Präsident Kurt Landauer. Der FC Bayern versuchte immer wieder, aus der
miefigen, deutschen Enge auszubrechen, begriff sich als moderner, weltoffener Klub mit internationalen
Ambitionen, dem das germanische Ideal des Amateurismus fremd war und der
seinen Spielern die Möglichkeit geben wollte, mit dem Fußballspielen auch Geld zu verdienen.
Präsident Landauer weigerte sich gar, den Anhängern ein Stadion zu bauen; er investierte
lieber in Spielergehälter. Im Verein war man sich einig, dass Turnen spießig war und dass ein
eleganter Fußballer das Spielfeld niemals ohne Krawatte betrat. Bereits in den 1920er Jahren
— als andernorts noch Turnvater Jahn und dem Deutschtum gehuldigt wurde — spielte der Klub
ausgesprochen häufig gegen internationale Mannschaften und verpflichtete internationale
Trainer wie etwa den schon erwähnten Richard Dombi, der den Verein 1932 zur ersten deutschen
Meisterschaft führte.
Die Nationalsozialisten stoppten den Aufstieg des FC Bayern zu einem erfolgreichen Klub
schließlich jäh. Das neu eingeführte Amateurgesetz bereitete Professionalismus und internationalem Engagement ein Ende, wovon die Bayern besonders hart betroffen waren. Zudem
trafen die antisemitischen Verbrechen der Nazis natürlich auch die jüdischen Mitglieder des
Klubs, zum einen beispielsweise durch die Einführung des so genannten „Arierparagrafen“
auch im Bereich der Turn- und Sportverbände und den dadurch folgenden Ausschluss von
Juden aus den Vereinen, zum anderen durch unmittelbare Verfolgung. Nationalspieler „Ossi“
Rohr etwa, der als einer der ersten deutschen Kicker überhaupt als Profi ins Ausland gegangen
war, wurde in Frankreich 1940 ins KZ deportiert, weil die Nazis den bezahlten Fußball
für eine „jüdische Erfindung“ hielten. Präsident Kurt Landauer, der dem Verein von 1913 bis
1933 vorgestanden hatte, wurde im Zuge der Novemberpogrome ins Konzentrationslager Dachau
verschleppt und floh kurz nach seiner Freilassung ins Schweizer Exil nach Genf. Dort
unterhielt er gute Kontakte zum FC Servette, gegen den die Bayern bereits vor 1933 des öfteren
zu Freundschaftsspielen angetreten waren. Als der Münchner Klub 1940 erneut in Genf
gastierte, stürmte die Mannschaft nach dem Schlusspfiff auf die Tribüne, um ihren alten Präsidenten
zu begrüßen, was ihr nach ihrer Rückkehr massive Repressalien eintrug. Landauer
wurde 1947 übrigens erneut zum Präsidenten gewählt, womit die Bayern quer zur allgemeinen
Entwicklung in anderen Vereinen lagen, in denen die Präsidien oft genug aus Nationalsozialisten
bestanden, die nach dem Krieg rasch wieder in Amt und Würden gekommen waren.
Die Nazis hielten es in München mit dem Lokalrivalen des FC Bayern, dem „Arbeiterverein“
TSV 1860, der von ihnen so ziemlich jede Unterstützung bekam und bereits 1936 von einem
Nationalsozialisten geführt wurde — Emil Ketterer nämlich, in der NSDAP seit 1923 und SAMitglied
seit 1931. Ketterer saß auch im gleichgeschalteten Münchner Stadtrat und unterhielt
beste Beziehungen zu Oberbürgermeister Fiehler. Diesem teilte er im Februar 1941 stolz mit,
„dass ein prozentual großer Teil der Mitgliedschaft sehr früh bei der Fahne Adolf Hitlers war“
— im Gegensatz zum FC Bayern, der den Nazis als „Judenklub“ galt. Zwar unterzeichnete
auch er einen Erlass, mit dem die so genannte „Entfernung der Juden aus den Sportvereinen“
beschlossen wurde. Dennoch war die Nazifizierung des Klubs eine vergleichsweise zähe Angelegenheit:
Die Nationalsozialisten stellten lange nur eine kleine Minderheit im Verein dar,
die vor allem in der Skiabteilung vertreten war, und dem FC Bayern standen noch viele Jahre
Mitglieder vor, die den Nazis nicht als ausreichend loyal erschienen und die nicht über die
nun notwendigen politischen Verbindungen verfügten. Erst 1943 kam mit dem Bankier Sauter
der Wunschkandidat der NSDAP an die Spitze des Vereins, und erst ab diesem Zeitpunkt änderte sich auch dessen Verhältnis zu Partei und Stadtverwaltung grundsätzlich. Dietrich
Schulze-Marmeling schreibt dazu: „Die Zahl ausländischer Gäste wurde immer geringer, und
es waren fast nur noch ‚deutschsprachige Ausländer’, mit denen man sich maß.“
Wie anders verlief dagegen nicht nur die Geschichte des TSV 1860 München, sondern auch
beispielsweise die des bis heute als Arbeiterklub abgekulteten FC Schalke 04, der des Führers
Vorzeigeverein war, sechs seiner sieben deutschen Meisterschaften zwischen 1933 und 1945
gewann und seinerzeit auch einen beträchtlichen Teil der deutschen Nationalmannschaft stellte.
Doch die Toten Hosen — und damit sind wir wieder bei der Gegenwart — schert das genauso
wenig wie das Gros der deutschen Fußballfans. „Ganz egal wie hart mein Schicksal wär’, ich
würde nie zum FC Bayern München gehen“, trällert Campino, und der Mob grölt es leidenschaftlich
mit. Schließlich gibt es, um noch einmal die „Hosen“ zu zitieren, „nicht viel auf
dieser Welt, woran man sich halten kann“. Karl Selent brachte es bereits vor fünf Jahren in
der Düsseldorfer Monatszeitung Terz auf den Punkt: „Nicht das tatsächlich Negative, das abstrakte,
das objektive Kapitalverhältnis ist Thema der Toten Hosen, nein, das Abstrakte wird
konkretisiert und personalisiert im Lackstiefelclub FC Bayern München, um es sodann austreiben
zu können.“ Es ist das alte Lied des Fetischismus, des notwendig falschen Bewusstseins,
das wohl das Gros der Bayern-Hasser immer wieder anstimmt, dessen Refrain stets aufs
Neue vom unverstandenen Zusammenhang zwischen Warenform und Denkform kündet und
bei dem der Background-Chor für die antisemitischen Untertöne sorgt. Denn so, wie außerhalb
des Fußballs finstere Mächte für soziale Kälte, Verrohung, schlechtes Essen, Kulturlosigkeit,
Zersetzung, Künstlichkeit und die grenzenlose Dominanz des Geldes sowie Machtmissbrauch
verantwortlich sein müssen, wird auch im Fußball dessen notwendige Warenförmigkeit
auf eine gemeine Verschwörung sinistrer Gestalten heruntergebrochen, die Name und
Anschrift haben müssen und deren Hauptsitz der beleidigte Fan in der Säbener Straße 51 in
München verortet — dort also, wo der FC Bayern seinen Sitz hat.
Dabei wäre es, folgt man den Toten Hosen, eigentlich ganz einfach, die vorgebliche Allmacht
des Rekordmeisters zu brechen, wenn man es denn nur wollte und nicht ständig den Versuchungen des Mammonismus erliegen würde. Denn: „Muss denn so was wirklich sein? Ist das
Leben nicht viel zu schön, sich selber so wegzuschmeißen und zum FC Bayern zu gehen?“
Wer das tut, handelt also moralisch verwerflich und ist gesellschaftlicher Müll, denn statt die
wahren — das heißt immateriellen — Werte des Lebens zu erkennen und nach ihnen zu leben,
folgt er mit kalter Berechnung dem allfälligen Ruf des Geldes. Warum das so ist, diese — lediglich
rhetorische — Frage haben sich die Hosen aber auch schon gestellt: „Was für Eltern
muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem
Scheißverein?“ Das müssen dann wohl die Feinde des Volkes sein — Juden, Amerikaner,
Bonzen oder was auch immer —, bei deren Sprösslingen der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
„Von solchem proletenhaften Abstammungsdenken war es einst nur ein Katzensprung zum
Rassenantisemitismus gegen den ‚Judenclub’ FC Bayern München“, befand Karl Selent, der
hier erneut zitiert werden soll, in seinem Terz-Beitrag völlig zu Recht.
Als „Judenklub“ werden die Bayern heute in der Regel nicht mehr beschimpft, aber die Ressentiments,
die sich gegen sie entladen, greifen dennoch auf das Repertoire antisemitischer
Topoi zurück. Man hasst den Klub, weil er erfolgreich ist und dieser Erfolg angeblich ausschließlich
dem vielen Geld zu verdanken ist, das der Verein besitzt, zu dem er mühelos und
ohne Arbeit gekommen zu sein scheint — vermutlich durch undurchschaubare Transaktionen
und zwielichtige Geschäfte — und das sich wie von selbst zu vermehren scheint, während andere
Klubs darben und ständig um ihre Existenz kämpfen müssen. Hier deutet sich die uralte
antisemitische Aufspaltung in „schaffendes“ (also deutsches) und „raffendes“ (vulgo: jüdisches)
Kapital mehr als nur an. Man wirft dem FC Bayern vor, gewissermaßen ein Kunstprodukt
zu sein und seine Erfolge bloß erkauft zu haben, statt sie zu erkämpfen, wie sich das für
anständige Deutsche gehört. Und noch in vordergründig harmlos erscheinenden Vorwürfen
gegen den Klub scheinen immer wieder Stereotypen durch, die auch im antisemitischen Arsenal
ein Zuhause haben. Das Gerede vom vorgeblich typischen „Bayern-Dusel“ etwa meint ein
angeblich unverdientes Glück und stellt diesem den ehrlich erarbeiteten Erfolg oder doch
wenigstens die ehrenvolle Niederlage gegenüber — ganz so, als ob nicht auch ein Tor in der
Nachspielzeit zählen würde, das möglicherweise das Ergebnis größerer Fitness, Konzentration
oder was auch immer ist und jedenfalls nicht auf unlautere Einflüsse zurückgeführt werden
kann. Auch die Behauptung, der FC Bayern stehe mit den Schiedsrichtern im Bunde, ist eher
im Reich der Verschwörungstheorien zu beheimaten als in der Realität; statistisch zu belegen
ist sie jedenfalls nicht. Und schließlich haftet dem Klub im Grunde noch der Ruf der Wurzellosigkeit
an, der Weltläufigkeit statt bodenständiger und traditionsbewusster Heimatverbundenheit.
Mögen Spieler und Funktionäre auch in Lederhosen aufs Oktoberfest gehen — der
Klub besaß nie ein Stadion in einem bestimmten Stadtteil, seine Fans kommen überwiegend
nicht aus München, sondern aus dem Umland, und die Klubführung spielte mehr als einmal
mit dem Gedanken, ob eine Europa- oder Weltliga für Bayern München nicht besser wäre als
die Bundesliga.
Auch wenn Ressentiments nicht durch das Benennen von Fakten aufklärbar sind, sei der Vollständigkeit
wegen darauf hingewiesen, dass der Verein sich lediglich ein bisschen geschickter
anstellt als seine Konkurrenten und beizeiten auch auf eine bessere Infrastruktur zurückgreifen
konnte: Das große Olympiastadion etwa sorgte für höhere Einnahmen bei den Spielen,
und das Management hatte ein feines Gespür für die Möglichkeiten finanzieller Akquise. Als
erster deutscher Fußballklub dehnte der FC Bayern seine Werbung um Sympathien, Mitglieder
und Fans auf das gesamte Bundesgebiet aus, was den Hass auf ihn noch steigerte — man
hat schließlich seine Wurzeln zu bedenken und als Kölner zum FC zu halten und als Ruhrgebietsmensch
zu Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Außerdem erschloss er sich durch ein
geschicktes Merchandising weitere Einnahmequellen. Gleichzeitig verpflichteten die Bayern
immer wieder auch internationale Stars, erhöhten so ihre Wettbewerbschancen und erweiterten
damit wiederum auch ihren finanziellen Spielraum.
Doch solche Fakten fechten die Bayern-Hasser natürlich nicht an. Vielmehr kommen auch —
mit antisemitischen Stereotypen eng verbundene — antiamerikanische Ressentiments in der
Ablehnung des internationalsten deutschen Fußballklubs immer wieder zur Geltung. Mal geschieht
dies indirekt — wie etwa durch den Vorwurf, der FC Bayern sei im Fußball eine arrogante
Großmacht, der ständig Absprachen und Regelungen sabotiere und nach eigenem Gutdünken
verfahre —, mal passiert es direkt wie durch die Bezeichnung „FC Hollywood“, mit
der die Glitzerwelt des Klubs, der Klatsch und Tratsch um ihn und ganz generell das gleißende
Scheinwerferlicht, das beständig auf ihn gerichtet ist, als künstlich, pompös, bombastisch,
inhaltsleer, oberflächlich und unseriös — amerikanisch eben — entlarvt werden sollen. Der FC
Bayern ist gewissermaßen die USA der Fußball-Bundesliga, der man „Old Europe“ in Form
von Vereinen wie dem 1. FC Kaiserslautern, Borussia Dortmund oder Schalke 04 entgegenstellt,
wenn man es nicht gleich aus Prinzip mit Underdogs à la SC Freiburg, Mainz 05 oder
dem FC St. Pauli hält, die vermeintlich ganz anders funktionieren. Denn bei diesen werde
Fußball noch gearbeitet, seien die Fans in Treue fest mit ihrem Klub verbunden und gehe es
familiärer, dörflicher und intimer zu als bei den großen Bayern: Hier das kleine, ungemütliche
und baufällige Stadion; dort die prachtvolle und komfortable Allianz-Arena, die der Volksmund
bereits „Arroganz-Arena“ nennt. Hier die gewachsene und überschaubare Familie der
aufrechten Anhänger, die bei Wind und Wetter kommen, mit ihrem Team durch Dick und
Dünn gehen und Leiden für einen Wert an sich halten; dort die gesichtslose Schar erfolgsverwöhnter
Opportunisten, die keine Fans sein können, weil ihr Verein ja ständig alles gewinnt,
und die gar nicht wissen, wie es ist, wenn man ständig auf die Mütze bekommt. Hier die kuschelige
Scholle, dort die kalte, fremde Großstadt; hier die deutschen Werte, dort die amerikanischen;
hier die Opfer, dort die Täter.
A propos Fans. Es soll selbstverständlich gar nicht bestritten werden, dass die Topoi des Antiamerikanismus
und Antisemitismus in direkter oder indirekter Form nicht nur gegen die Bayern
in Anschlag gebracht werden. Die Klagen etwa über „Kommerzialisierung“, den „Ausverkauf
des Fußballs“, den „Verrat von Traditionen“ oder die Artifizialisierung sind allgegenwärtig,
doch sie werden in erster Linie von Fans erhoben, die in ihrem Lieblingsverein
offenbar eine Art Gegenprinzip zum FC Bayern sehen oder wenigstens gerne hätten, dass er
eines ist (was nicht bedeutet, dass nicht auch Bayern-Anhänger solche Beschwerden führen).
In Dortmund etwa schreien die Treuesten der Treuen „Verrat!“, wenn das Westfalenstadion in
Signal-Iduna-Park umbenannt wird, den TSV 1860 wollen dessen Fans eigentlich lieber in
der Bruchbude an der Grünwalder Straße spielen sehen statt im Fußballtempel Allianz-Arena,
und von des Linken Heiligtum FC St. Pauli fange ich hier lieber gar nicht erst an. Alle sind sie
natürlich „wahre“ Fans im bereits geschilderten Sinne, deren Sehnsucht nach Unmittelbarkeit
und Vermittlungslosigkeit bestenfalls naiv und schlimmstenfalls gefährlich ideologisch ist.
Das bedeutet im Umkehrschluss übrigens nicht notwendig, dass deshalb alles, was sich im
bezahlten Fußball so zuträgt, umstandslos zu befürworten wäre. Aber wer — um nur ein Beispiel
zu nennen — lieber auf baufälligen Tribünen steht als den gestiegenen Komfort zu begrüßen,
den der Um- und Neubau der Stadien mit sich bringt, muss sich fragen lassen, ob er noch
alle Latten am Zaun hat und ob nicht vielmehr die Tatsache, dass der Eintritt in die Stadien
für viele schlicht unerschwinglich geworden ist, einen berechtigten Einwand begründen würde.
In dem Maße, wie der FC Bayern als Prototyp eines modernen kapitalistischen Fußballklubs
gesehen wird, gelten auch seine Fans bei den Anhängern anderer Mannschaften als Negativfolie.
An dieser Stelle könnte ich reichlich aus den diversen Fan- und Ultra-Foren zitieren,
aber in besonderer Weise eignen sich einige Zeitungsartikel dazu, die — darin den Toten Hosen
sehr ähnlich — das Ressentiment in bemerkenswerter Weise zu bündeln vermögen. Dem
taz-Journalisten Johannes Keller etwa entfährt es: „Bayern-Fans sind Feiglinge!“ Denn: „Jeder
Fußballfan weiß es intuitiv. Es ist nicht nötig, es auszusprechen. Keiner zweifelt daran.
Und doch gibt es das Bedürfnis, es ein für alle Mal festzustellen: Es gibt keine Bayern-Fans.
Ohne Zweifel, es gibt Menschen, die sich einbilden, Fans von Bayern München zu sein. Ihrem
äußeren Verhalten nach könnte man sie auch als solche wahrnehmen. Sie tragen die Trikots
ihrer Mannschaft, jubeln bei Treffern für ihr Team, lesen in der Zeitung jede noch so
unwichtige Meldung über ihren Verein und fiebern dem nächsten Spieltag entgegen. Aber
ihnen fehlt doch das Eigentliche, die Essenz des Fan-Seins: Verzweiflung.“
Das Leiden ist — ich sagte es bereits — in dieser Sichtweise ein Wert an sich und nicht der
Schmerz über entgangenes Glück, den man nicht ertragen kann. Also müssen Menschen, die
es mit den Bayern halten, Eisblöcke sein, unfähig zu echten Emotionen, demnach Robotern
gleich, die programmierbar sind und keine menschliche Regung kennen. Der taz-Autor
spricht das auch bemerkenswert offen aus: „Es gibt keine Anhänger des FC Bayern, die jemals
von diesem Gefühl [der Verzweiflung] gepackt wurden. Über Tage hinweg wie gelähmt
zur Arbeit zu gehen, im Kopf nur der Gedanke an die drohende Niederlage, das endgültige
Aus, den Abstieg, den verpassten Aufstieg oder UEFA-Cup-Platz. Bayern-Anhänger haben
immer eine Gewissheit, die sie immun macht gegenüber jedem Gefühl der Angst und der
Ausweglosigkeit.“ Und dann, um auch gleich wieder die Zirkulationssphäre ins Spiel zu bringen:
„Sie wissen, ihr Klub kann jede verpasste Chance nachholen. Wenn nicht diesmal, dann
eben nächste Saison. Was soll’s, wir holen uns schon die richtigen Leute. [...] Dieser Aspekt
der verzweifelten Hingabe fehlt jedem, der sich für den FC Bayern entschieden hat. Und
höchstwahrscheinlich ist es gerade das, was diesen Verein für Millionen Menschen so attraktiv
macht.“
Millionen von Menschen also, die jedoch höchstwahrscheinlich nur das Gleiche suchen wie
die Bayern-Hasser in letzter Konsequenz auch: ein kleines privates Glücksmoment, projektiv
aufgehoben in der berauschenden Teilnahme am Erfolg einer Fußballmannschaft, in der Suche
also nach einem gewiss allemal bedenklichen „Wir“-Erlebnis, die die einen intuitiv zur
irrationalen Verehrung des erfolgversprechendsten Klubs geführt hat und die anderen auf die
Tribünen weniger titelträchtiger Vereine — die jedoch bloß das anstreben, was der FC Bayern
schon hat und verteidigen will. Bayern-Fans sind nicht anders als die Supporter anderer
Klubs; auch sie schimpfen auf die „Scheiß-Millionäre“ und die verfehlte Politik ihres Favoriten,
wenn es mal nicht läuft; auch sie pfeifen bei der Jahreshauptversammlung, wenn der Star
der Mannschaft zögert, einer bestens dotierten Vertragsverlängerung zuzustimmen. Doch Herr
Keller von der taz lässt sich nicht beirren: „Der natürliche Grundzustand des Bayern-Anhängers ist also nicht Verzweiflung, das Gefühl der Ausweglosigkeit und Schwäche, sondern
Bayern-Anhänger leben in einem Ausgangszustand der Arroganz und Überlegenheit.
Verzweiflung wegen und durch ihren Fußballclub ist diesen Menschen vollkommen fremd.
Bayern-Anhänger sind keine Fußballfans, sondern Feiglinge, unfähig zu wahrer Hingabe, die
das Risiko einschließt, tief enttäuscht zu werden.“ In Deutschland hatte man es immer schon
mehr mit den Helden, das weiß auch ein Frontschwein bei der Alternativpresse.
Katrin Weber-Klüver sekundiert da im SPIEGEL mit Freude und hält die Bayern-Sympathisanten für „die schlechtesten Fans der Liga“. Und wie Die Toten Hosen sucht auch
sie die Gründe dafür irgendwo im Bereich zwischen offenem Biologismus und Vulgärpsychologie:
„Bayern-Fans sind anders. Ihnen ist alles egal, nur eines muss sein: Dass sie als Sieger
nach Hause gehen. Gemeinhin werden Kinder durch familiäre Einflüsse, qua Geburtsort oder
durch merkwürdige, schicksalhafte Zufälle Anhänger eines Fußballvereins. Aber es gibt eben
auch diese Kinder, die als Fünfjährige cholerische Wutanfälle bekommen, bloß weil sie mal
beim Murmelspiel verlieren. Die werden dann Bayern-Fans.“ Und wo Frau Weber-Klüver
schon mal dabei ist, denkt es weiter in ihr: „Weil sie den Verein nicht aus Zuneigung ausgewählt
haben, sondern um auf der Gewinnerseite zu stehen, sind sie die schlechtesten Verlierer
von allen. [...] Jeder normale Fußballfan [...] kennt die Optionen Sieg, Unentschieden, Niederlage, und er versteht es, das Spektrum von Jubel bis Endzeitstimmung auszuleben. Bayern-Fans können das nicht. Sie sehen Fußball wie ‚Derrick’: Es muss nervenschonend spannungsfrei
zugehen und der Erfolg am Ende von Anfang an feststehen.“ Wie gesagt: Emotionen, die
ihren Namen verdienen, müssen den Anhängern des FC Bayern offenbar fremd sein. Aber es
kommt noch schlimmer: „Alles andere — Betrug! Betrug am Konsumenten. Nichts anderes ist
der Bayern-Fan: ein Konsument, der Service erwartet.“ So etwas ist natürlich untragbar, wenn
es um höhere Werte geht und der Weg das Ziel ist.
Abschließend sei verdeutlicht, dass der heutige FC Bayern München — das heißt seine Spieler,
Trainer, Funktionäre und die Fans — keinerlei Bezug mehr auf die Geschichte des Klubs vor
1945 nimmt. Die offiziellen Vereinsbücher bedenken die Zeit bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs mit dürren Worten, und nicht selten scheint es, als ob diese Periode schlicht beschwiegen
werden soll. Manager Uli Hoeneß etwa lässt kurz und knapp ausrichten: „Ich war
zu der Zeit nicht auf der Welt.“ Die Initiative, Gedenksteine für den in Majdanek ermordeten
Bruder des ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer, Leo Landauer, und für den in Kaunas umgebrachten
Ex-Jugendleiter Otto Beer verlegen zu lassen, lehnte der Klub ab, anders als etwa
der Hamburger SV. Der Pressesprecher des FC Bayern verkündete dazu: „Wir möchten an
dieser Geschichte nicht teilnehmen. Wir kriegen so viele Anfragen zu Dingen, die wir tun
könnten, wir konzentrieren uns auf unsere Hauptaufgaben.“
Aber es geht, wie zu Beginn schon gesagt, auch gar nicht darum, Bayern München und seine
Anhänger als Speerspitze der Aufklärung darzustellen — auch wenn es vielleicht eine gewisse
Genugtuung verschafft, dass der FC Bayern in der Saison 2000/01 ausgerechnet Hitlers Lieblingsklub
Schalke 04 die Meisterschale in letzter Sekunde wieder entriss, und auch wenn man
— ausnahmsweise einmal — Oliver Kahn beizupflichten hätte, der vor dem letzten Spiel jener
Saison in Hamburg meinte: „Bis auf die Bayern-Fans wird das ganze Stadion, wird ganz
Deutschland gegen uns sein — was Schöneres gibt es doch gar nicht!“ Nein, es ging um eine
Kritik der Ressentiments gegen diesen Klub und um die Feststellung, dass er bloß mit völliger
Offenheit seine Ziele ausspricht, wo in anderen Vereinen der falsche Schein hoch gehandelt
wird, der sich rebellisch gebärdet und doch nur purer Konformismus ist.
Dennoch sind manche Äußerungen und Stellungnahmen von Bayern-Funktionären — welche
Motivation sie auch immer gespeist haben mag — bisweilen durchaus annehmbarer als die aus
anderen Vereinen. Manager Uli Hoeneß etwa kann zumindest mit dem klassischen Deutschnationalismus
nicht viel anfangen und hat mehrfach betont, dass die Sympathien der Anhänger
für einen Spieler nicht von dessen Staatsangehörigkeit abhängen dürften. Die Beschränkung
der Zahl nichtdeutscher Spieler in deutschen Vereinen lehnt er ab, und Nationalmannschaften
hält er schon mal für einen Anachronismus, weshalb man über ihre Abschaffung
nachdenken müsse, da den Fans ihr Lieblingsverein näher sei.
Nicht unsympathisch war auch der Auftritt des FC Bayern bei seinem letztjährigen Champions
League-Gastspiel am jüdischen Neujahrstag in Tel Aviv gegen Maccabi. Der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge etwa äußerte sich in einem Interview geradezu
begeistert über Israel und verurteilte den palästinensischen Terror scharf. Auch die Mannschaft
zeigte so etwas wie politisches Bewusstsein: Normalerweise trägt das Team bei internationalen
Begegnungen schwarze Trikots, Hosen und Stutzen. In Tel Aviv lief es jedoch
ganz in roter Kleidung auf. Bemerkenswerte Begründung: Die schwarze Kluft könne in Israel
Assoziationen zur Uniform der SS hervorrufen. Und das gelte es unbedingt zu vermeiden.
Keine große Sache vielleicht, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit und doch nicht
alltäglich. Allerdings auch nicht bei den Bayern.